Globalrhetoric’s Blog

Günter Grass’ speech at the Nobel Banquet, December 10, 1999 (in German)

Eure Majestäten und Ihre Königliche Hoheit, hocherfreute Preistäger, werte Gäste,

Lange ist’s her. Mitte September 1964 traf sich in der Nähe Stockholms, nämlich in Sigtuna, die „Gruppe 47”, eine Vereinigung deutschsprachiger Schriftsteller, die sich nach Ende des Zweiten Weltkrieges gefunden hatte; oder besser: die der Einladung des Schriftstellers Hans Werner Richter gefolgt waren. Fortan lud er immer wieder junge Autoren zu den alljährlichen Treffen ein. So kam auch ich Mitte der fünfziger Jahre dazu. So war auch ich in Schweden dabei, als uns Gustav Korlén im Namen der Stockholmer Universität eingeladen hatte. Es war eine bewegte, literarisch streitbare Tagung. Wir lasen uns aus Manuskripten vor. Auch schwedische Schriftsteller waren dabei. Es sah so aus, als könne das zerrissene Band zwischen zwei Literaturen wieder geknüpft werden.

Deshalb möchte ich nun – in Erinnerung an die Tagung in Sigtuna – meines literarischen Mentors, Hans Werner Richter, der 1993 hochbetagt gestorben ist, dankbar gedenken. Er hat mir, dem jungen, ganz auf sich bedachten Autor, Toleranz beigebracht; ich lernte von ihm das aufmerksame Zuhören; dem Einzelgänger, der ich war, wurde durch ihn Kollegialität vermittelt. Auch ermunterte er mich, den Bürger im Schriftsteller zu Wort kommen zu lassen, und das nicht nur in Wahlkampfzeiten.

Damals, in Sigtuna, las ich den Kollegen aus dem Manuskript meines deutschen Trauerspiels „Die Plebejer proben den Aufstand” vor. Noch heute hallt in mir die Debatte nach, die meine streitbaren Dialoge ausgelöst hatten.

Das alles geschah in einem gastlichen Land, umgeben von schwedischen Freunden, die dem Wortgefecht der deutschsprachigen Gäste mit einigem Erstaunen zugehört haben mögen. Und weil ich mir gewis bin, dass die mir heute erwiesene Ehre auch meinem literarischen Mentor und der deutschsprachigen Literatur gilt, erhebe ich mein Glas im Gedenken an Hans Werner Richter und mit freundschaftlichem Gruss an Gustav Korlén. – Übrigens fand ich in Sigtuna, während Pausen im literarischen Streit, herrliche Pilze, unter ihnen Steinpilze, die auf Schwedisch „Karl Johanssvamp” heissen.

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